Der Prozess Franz Kafka Interpretation – 1. Kapitel – Vergleich mit Kohlhaas und Alfred Ill



Der Prozess, der Besuch der alten Dame und Michael Kohlhaas sind seit vielen Jahren in Baden-Württemberg Sternchenthemen im Fach Deutsch und sind es auch wieder im Jahre 2012 und 2013. Im Folgenden findet ihr als Beispiel eine Interpretation des 1. Kapitels und ein anschließender Vergleich der Bedeutung der Liebe bei Michael Kohlhaas, Alfred Ill und Josef K. Normalerweise gibt es im Deutsch Abitur noch eine erste Aufgabe, in der der Inhalt bis zum vorgelegten Textauszug unter einer bestimmen Fragestellung zusammengefasst werden soll. Diese Teilaufgabe entfällt hier, da sich die vorgelegte Textstelle am Anfang des Romans Der Prozess von Franz Kafka befindet.

Die nachfolgende Interpretation wurde während einer Deutsch Klausur geschrieben.

 

Aufgabenstellung:

1. Interpretiere das 1. Kapitel aus Franz Kafka: Der Prozess.

2. Kafka: Der Prozess, Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas und Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame:

Untersuche in einer vergleichenden Betrachtung die Bedeutung von Liebe im Leben von Josef K. , Michael Kohlhaas und Alfred Ill.

1. Der Roman „Der Prozess“ von Franz Kafka wurde im Jahre 1925 von Kafkas Freund Max Brod entgegen der Verfügung Kafkas veröffentlicht. Im Zentrum des Romanfragments steht die Frage der Schuld des Protagonisten Josef K.. Diese Thematik tritt bereits zu Beginn des Romans im Kapital „Verhaftung“ auf, in dem erkennbar ist, wie K. zu seiner „angeblichen Schuld“ steht und er die unerwartete Verhaftung aufnimmt. Daher hat bereits dieses Anfangskapitel einen äußerst hohen Stellenwert für den Roman.

Josef K. wird am Morgen seines dreißigsten Geburtstages verhaftet. K. bekommt an diesem Morgen sein Frühstück nicht wie üblich an sein Bett gebracht und fühlt sich von einer Nachbarin in der gegenüberliegenden Wohnung beobachtet. Statt der erwarteten Köchin kommt ein unbekannter Mann in sein Zimmer. Auch im Nachbarzimmer, dem Zimmer seiner Vermieterin Frau Grubach, befindet sich eine weiterere unbekannte männliche Person. Von dieser erfährt er, dass er gerade verhaftet worden ist. Allerdings teilen ihm die beiden Männer, auch auf Rückfrage, nicht den Grund der Verhaftung mit. Sie fordern ihn sogar auf, er solle seine Kleidung ihnen zur Aufbewahrung bis Prozessende übergeben. K. hofft die ganze Aktion stelle sich als ein Spass zu seinem 30. Geburtstag heraus und will die Komödie mitspielen.

Gleich zu Beginn der Erzählung wird durch das Indefinitpronomen „Jemand“ (Zeile 1) deutlich, dass das Leben in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu dieser Zeit durch Anonymität geprägt war, denn K. hat keinen konkreten Verdacht, wer für seine Verhaftung verantwortlich ist. Weiterhin wird durch die Verbform „musste“ (Zeile 1) veranschaulicht, dass er meint, dieses Ereignis wäre nicht passiert, wenn er allein auf der Welt leben würde. Somit überträgt K. die Schuld an seiner unerwarteten Verhaftung auf andere, in diesem Fall auf die Gesellschaft.

Franz Kafka hat im Kapitel „Verhaftung“ eine personale Erzählperspektive gewählt, wodurch der Leser das Geschehen und die Gedanken aus der Perspektive des Protagonisten erfährt und sich somit gut in dessen Lage versetzten kann. Einen Erzählerkommentar findet man in der vorgelegten Textstelle nicht, weil sich der Leser selbst ein Bild vom Charakter von Josef K. machen soll. Im ersten Satz zeigt sich auch,  dass K. nur an eine Schuld im juristischen Sinne denkt, weil er der Ansicht ist, dass er nichts Rechtswidriges getan hat (vgl. Zeile 1). Sein Leben läuft in Routine ab und er hat einen geregelten Tagesablauf, der aber an diesem Tag durch das Ausbleiben des Frühstücks gestört ist und Unordnung in ihm auslöst (vgl. Zeilen 3-4). Danach wird von einem weiteren Phänomen berichtet, das noch häufiger im Roman auftritt, der Angst ständig von anderen beobachtet zu werden (vgl. Zeile 5-6). Dies zeigt, dass sich K. in gewisser Weise doch schuldig fühlt. Im Folgenden streitet Josef ab, die Person, die in sein Zimmer tritt, jemals vorher gesehen zu haben (vgl. Zeile 8). Das Adverb „niemals“, das ferner auch früher bereits vorkommt (Zeile 4), soll bekräftigen, dass er den Mann vorher nie gesehen hat und verleiht seiner Meinung eine Bestätigung. Das schwarze Kleidungsstück (vgl. Zeile 9), das diese Person trägt, kann man als Vorausdeutung auf den späteren Tod von Josef K. sehen. Auf die Anwesenheit der Wärter reagiert der Verhaftete zunächst gelassen und selbstsicher und lässt sich nicht aus dem Konzept bringen (vgl. Zeilen 7-16). Dies zeigt auch die Tatsache, dass er in utiliforistischer Weise sich Gedanken macht über den Nutzen und den Zweck der Kleidung seines Wächters (vgl. Zeilen 9-11) und anfangs nicht empört über sein Erscheinen ist. Des Weiteren ist auffällig, dass der Wächter Franz in kurzen, parataktischen Sätzen spricht, was verdeutlicht, dass er nur ein Befehlsempfänger ist, der darauf achtet seine erteilten Weisungen fehlerfrei zu erfüllen. Dagegen äußert sich der verhaftete K. in langen Sätzen, was seine hohe Stellung als Prokurist und Weisungsberechtigter einer Bank sichtbar macht und er zu diesem Zeitpunkt noch Herr über seine Vernunft ist (vgl. Zeilen 23-24). Paradoxerweise erkennt K. ein „Beaufsichtigungsrecht“ (Zeile 26) der Wärter an, was wiederum ein gewisses Schuldbewusstsein sichtbar macht. Dies wird ferner auch deutlich, als er versucht sich von den zwei Männern loszureißen, wie diese von ihm weit entfernt standen (vgl. Zeile 41-42). Dieser Versuch spiegelt ein Auflehnen gegen die für ihn unbekannte, bedrohliche Situation wider, vor der er entfliehen will. Er fragt im weiteren Verlauf zwar nach dem Grund seiner überraschenden Verhaftung, allerdings nicht nach seiner Schuld (vgl. Zeile 45). Möglicherweise ist dies der Grund, warum Josef K. letztendlich ohne Kenntnis der Schuld verurteilt wird. Er versucht sich zwar zu verteidigen, aber hakt nie bei der Frage nach seiner Schuld nach. Ab dem Zeitpunkt seiner Verhaftung, wandelt sich seine anfängliche Selbstsicherheit zur Unsicherheit. Nun ist es K., der nur noch in kurzen Sätzen redet und der Wächter, der ihm das Geschehen ausführlich erläutert, hat die Dominanz übernommen. Dies sieht man unter anderem auch daran, dass der eine Wächter K. körperlich überlegen ist und er keinen Widerstand zeigt, als ihm dieser mehrmals auf die Schulter klopft (vgl. Zeilen 53-55). Diese Situation des fehlenden Widerstandes ist auch vergleichbar mit der Türhüterparabel, die ihm später der Gefängniskaplan erzählt, wo ein Mann vom Lande dem verwehrten Zutritt „in das Gesetz“  nicht entsprechend entgegentritt. Die Wächter wollen auch Ks. Widerstandslosigkeit ausnutzen und ihm seine Kleidung wegnehmen (vgl. Zeile 55-67). Die Angabe der Wächter, dass „derartige Prozesse“ (Zeile 61) besonders lange dauern, macht sichtbar, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Prozess mit kurzer Verlaufsdauer handelt, sondern K. dieser Prozess länger beschäftigen wird. Paradoxerweise ist ihm dies zu diesem Zeitpunkt gleichgültig, ob ihm seine Sachen beschlagnahmt werden (vgl. Z. 66-68), allerdings hebt er später bei seiner Verteidigung vor Gericht diesen Sachverhalt besonders hervor. K. kann mit alltäglichen Situationen, zum Beispiel in seiner Bank, sehr gut umgehen, allerdings scheint diese ungeplante Unordnung seine Vernunft außer Kraft gesetzt zu haben, da er nicht mehr richtig denken kann (vgl. Zeilen 68-69). Weiterhin zeigt sich, dass er sehr isoliert lebt und nur vom Geschehen in der Bank etwas mitbekommt, weil er der Meinung ist, dass es in einem Rechtsstaat nur Frieden gebe und ihm kein Unrecht geschehen könnte (vgl. Zeilen 74-75). Deshalb kommt K. auch zu dem Ergebnis, dass dies alles nur ein Spaß seiner Kollegen sein kann (vgl. Zeilen 81).

Dieser Textauszug zeigt eindrucksvoll, was K. von der Menschheit hält und wie er zur Schuldfrage steht. Hierbei kann man einen Vergleich mit Kafkas Biografie ziehen. Kafka lebte ebenfalls, wie K., allein und  von der Gesellschaft isoliert. Sein Vater hatte einen großen Einfluss auf ihn, wobei er sich oft schuldig fühlte bevor er etwas getan hatte. K. zeigt in dem Textauszug wie Kafka bei ungewohnten, fremden Situationen ein unsicheres Verhalten.

2. Das Thema Liebe hat in allen drei Lektüren eine sehr wichtige Bedeutung, da sie das Verhalten der Protagonisten geleitet und mitbestimmt hat. In dem Roman „Der Prozess“ von Franz Kafka lebt der Protagonist K. allein und isoliert von der Außenwelt. Dabei richtet er fast sein gesamtes Leben nach seinem Beruf als Bankprokurist aus. Einmal die Woche besucht er jedoch die Prostituierte Elsa. Hierbei werden seine sexuellen Bedürfnissen, die nach der Psychoanalyse von Freund im Unterbewusstsein vorhanden sind, befriedigt. Jedoch zeigt sein Verhalten im Roman, dass sein ordnungsbewusstes Leben keine Frau und Familie zulässt. Es scheint so, dass er in gewisser Weise Bindungsängste hat. Im Lauf seines Prozesses geht er Liebesbeziehungen mit Frauen ein, weil er sich hierdurch einen Vorteil für seinen Prozess erhofft. Dabei ist auffällig, dass alle Frauen in gewisserweise mit dem Gericht in Verbindung stehen und somit von ihnen eine Anziehungskraft ausgeht. Die Verlockung der Frauen führt unter anderem dazu, dass er seine eigenen Prozessaktivitäten vernachlässigt und sich nur auf andere verlässt. Die kurzen Körperlichkeiten scheinen auf K. einen positiven Einfluss zu haben, da hierdurch immer die durch den Prozess erzeugte Unordnung geringer wird. Möglicherweise kann man den Prozess als eine Art Selbstgericht mit seinem eigenem Leben interpretieren, indem K. dazu bewegt wird, sich für ein Leben mit Frau und Familie zu entscheiden, wodurch seine herrschende Unordnung beseitigt werden würde.

In der Novelle „Michael Kohlhaas“ hat die Liebe zu seiner Frau und zu seinen Kindern einen sehr hohen Stellenwert. Er wird als liebevoller Vater und fürsorglicher Ehemann beschrieben und führt ein harmonisches Familienleben. Weiterhin pflegt er in gewisser Weise eine Liebe zur Gerechtigkeit und ist von dieser sehr überzeugt. Die Liebe zu seiner Frau Lisbeth scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, dann sie erklärt sich sogar bereit, die schwierige Aufgabe, einen Brief dem Kurfürsten zu überbringen, durchzuführen. Trotz schwerer Verletzung will sie umgehend zu ihrem Mann zurück, ohne sich zu schonen. Nach der Rückreise verstirbt sie in seinen Armen, nicht ohne ihn zu bitten auf Rache zu verzichten und zu vergeben. Nach Kohlhaas eigenen Aussagen ist der Tod seiner geliebten Frau der Auslöser für seinen Rachefeldzug. Mehrfach in der Novelle rechtfertigt er sein Vorgehen, mit der Angabe, dass er alles nur für Lisbeth getan hätte. Man kann sagen, die große Liebe zu seiner Frau hat Kohlhaas weiteres Leben und Handeln bestimmt und für seinen gewaltsamen Tod gesorgt. Am Ende jedoch gewinnt Kohlhaas die Liebe zur Gerechtigkeit zurück, indem ihm Recht widerfährt.

Im Drama „Der Besuch der alten Dame“ ist die zerbroche Liebe von Alfred Ill zu Claire Zachanassian ausschlaggebend für den Rachefeldzug Claires. Claire und Alfred sind vor 45 Jahren ein Liebepaar und als Claire schwanger wird steht Ill nicht zu ihr und seinem Kind, sondern besticht Zeugen, die vor Gericht ausgesagen, dass sie auch mit Claire geschlafen haben. Hiermit will Ill erreichen, dass er die arme Claire nicht heiraten muss, sondern eine damals reiche Frau heiraten kann. Dies tut er nicht, weil er Claire nicht mehr liebt, sondern nur wegen dem Vermögen seiner neuen Freundin. Bis zum Eintreffen von Claire lebt er glücklich mit seiner Frau zusammen und sie haben zwei Kinder. Er wird als fürsorglicher Vater und Ehemann beschrieben. Diese Tatsache zeigt, das Ill zu damaliger Zeit naiv gehandelt hat und sein Verhalten eine Jugendsünde gewesen ist. Dies wird auch daran deutlich, dass er seine damalige Handlungsweise bereut und zur Sühne bereit ist. Um dies wiedergutzumachen und um Geld für Güllen von Claire zu erhalten, gesteht er sogar, dass er immer noch Gefühle für sie empfindet.

In einer vergleichenden Betrachtung fällt auf, dass es viele Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Liebe gibt. So gleicht Ills Einstellung zur Liebe in seiner Jugendzeit der von K. zur Zeit seiner Verhaftung. Beide betrachten Liebe als nichts Festes und wechseln problemlos ihren Partner. Dabei terfahren hat, trauern sie dem alten Partner nich lange hinterher. K. beispielsweise empfindet, als er erfahren hat, dass Leni noch weitere Beziehungen hat, nur kurzes Mitleid und Alfred Teill ebenfalls denkt in den 45 Jahren nur selten an Claire. Beide benutzen die Liebe auch, um Ziele zu erreichen. Dies zeigt sich darin, dass K. nur Beziehungen mit Frauen eingeht, um einen Vorteil bei Gericht zu erlangen. Alfred Till nutzt die Liebe zu seiner neuen Partnerin, um  an Reichtum zu kommen. Alfred Ill und Kohlhaas führen ein glückliches Familienleben mit ihren Kindern. Jedoch hält Kohlhaas Frau zu ihm und unterstützt ihn bei seinen Bemühungen Gerechtigkeit zu erhalten und wird dabei tödlich verletzt. Ills Frau stellt sich auf die Gegenseite und beteiligt sich an den Käufen auf Kredit, die mit der Belohnung für Ills Tod zurückbezahlt werden sollen. Die Liebe von Alfred Ill und Kohlhaas steht im Kontrast zu der Liebe von Josef K., der aufgrund von Bindungsängsten nicht fähig ist, eine landfristige Partnerschaft einzugehen und die Frauen nur zu seinen Zwecken missbraucht.

Abschließend kann man sagen, dass die Liebe in allen drei Lektüren einen großen Einfluss auf die Ereignisse hat, obwohl die Art der Liebe teilweise sehr unterschiedlich ist. Dies zeigt sich auch im Alltag der Menschen von heute, die in unterschiedlichen Lebensgemeinschaften leben und Liebe individuell definieren.

 

Viel Erfolg mit den drei Lektüren Der Besuch der alten Dame, der Prozess und Michael Kohlhaas wünscht Schul-Wissen.de!



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