Parabel: Der Nachbar Analyse und Interpretation – Franz Kafka



Eine Analyse und Interpretation der Kurzgeschichte „der Nachbar“ von Franz Kafka findet ihr im Folgenden. Die Analyse und Interpretation „der Nachbar“ wurde während einer Klausur verfasst.

Die Kurzgeschichte „Der Nachbar“ wurde im Jahre 1917 von Franz Kafka geschrieben und im Jahre 1931 von Max Brod und Hans-Joachim Schoeps veröffentlicht. Hierin geht es, nach dem ersten Lesen, offenbar um einen jungen Kaufmann, dessen Geschäfte nicht mehr gut laufen und der deshalb die Schuld auf seinen Nachbarn schiebt.

Ein Firmeninhaber führt ein gutlaufendes Geschäft. Vor kurzer Zeit hat ein anderer Mann mit dem Namen Harras die Nachbarwohnung gemietet. Dieses hat in dieser Wohnung ein ähnliches Geschäft wie er eröffnet. Das Verhalten des Nachbarn beschreibt der Protagonist als merkwürdig, da dieser immer schnell in der Wohnung verschwindet. Ebenfalls erwähnt er auch noch, dass die Wohnung sehr hellhörig ist. Daher versucht er die Namen seiner Kunden nicht zu nennen. Er geht davon aus, dass der Nachbar, während den Telefongesprächen mit den Kunden, sich auf dem Weg macht und ihm die Aufträge wegnimmt.

Textanalyse

Es handelt sich um eine Kurzgeschichte deren Handlung unmittelbar beginnt und ohne Schluss endet. Der Leser muss deshalb selbst ein Ende finden. Die Geschichte lässt sich in vier Sinnabschnitte unterteilen. Der personale, auktoriale Ich-Erzähler beschreibt in einem Gedankenbericht innere und auch äußere Vorgänge. Hierdurch erfährt der Leser nur die Meinung des Erzählers. Über seinen eigenen Charakter schreibt er nichts, daher wird der Leser nur durch sein Verhalten hierüber in Kenntnis gesetzt. Seinen Nachbarn hingegen charakterisiert er genau, indem er sein Verhalten aufgrund seiner Handlungsweise deutet. Dadurch zwingt er den Lesern seine eigene Meinung auf.

Bei der Zeit handelt es sich um eine Zeitraffung, da ein großer Zeitabschnitt zusammengefasst wird. Es gibt jedoch auch Rückblicke, wobei die chronologische Reihenfolge durchbrochen wird. Die beiden nebeneinander liegenden Wohnungen sind der Handlungsraum und ohne diese Voraussetzung würde der Konflikt nicht bestehen und die Geschichte sich nicht wie beschrieben entwickeln. Das Telefon ist ein Symbol für Angst und Unsicherheit des Protagonisten. Es war zur Zeit Kafkas neu und noch vielen unheimlich. Der Autor verwendet einen gemeinsprachlichen Wortschatz mit einfach konstruierten Sätzen, wodurch die Geschichte jedem zugänglich ist, auch wenn er die Handlungsweise des Erzählers nicht versteht.

Der Text beginnt mit einem Parallelismus (Z. 1) und geht mit einer Aufzählung (Z. 3) seiner Büroeinrichtung weiter. Hierdurch will er seinen beruflichen Erfolg ins richtige Licht rücken. Den gleichen Sinn hat auch die Ellipse in Zeile vier. Die rethorische Wiederholung in Zeile fünf „Ich klage nicht, ich klage nicht“ zeigt jedoch, dass die Geschäfte nicht so gut wie anfangs geschildert laufen. Im 1. Sinnabschnitt (Zeile 1-5) sind die Sätze kurz und ändern sich in der Folge in komplizierte Satzgebilde. Was die Unsicherheit und Ängste des Protagonisten ausdrückt. Er sucht Ausreden für seine derzeitige geschäftliche Lage.

Im 2. Sinnabschnitt (Zeile 6-19) berichtet er über den jungen, neuen Nachbarn. Hierzu verwendet Kafka Hypotaxen und Parataxen. Die häufigen Gedankenstriche ab diesem Sinnabschnitt zeigen die wachsende Unsicherheit des Erzählers, der sich Gedanken über seine Situation macht.

Der 3. Sinnabschnitt beschreibt das Zusammentreffen mit dem Nachbarn Harras. Mit dem Vergleich des Konkurrenten mit einer Ratte „wie der Schwanz einer Ratte …“ (Z. 23) wird dieser entmenschlicht und auf den Stand eines in der Gesellschaft als minderwertig geltendes und Krankenheiten übertragendes Tier gestellt. Dies drückt die große Verachtung und den Hass aus, den er gegenüber ihm empfindet.

Im 4. Sinnabschnitt schildert der Protagonist das bauliche Manko der Wohnungen und sein Verhalten, um das Abhören seiner Telefonate zu verhindern. Die Antithese „den ehrlich tätigen Mann verraten, den unehrlichen aber decken“ (Z. 26,27), soll aussagen, dass er ehrlich, sein Nachbar jedoch ein unehrlicher Mensch ist. Die Parenthese „die Hörmuschel am Ohr“ (Z. 34) zeigt nochmals die Suche nach Ausreden. Die Aussage „manchmal umtanze ich […] auf Fußspitzen den Apparat“ zeigt krankhafte Züge von Verfolgungswahn. Zum Ende der Kurzgeschichte werden die Sätze immer länger und sind kompliziert konstruiert. Auch die doppelte Verwendung des Wortes „vielleicht“ im letzten Satz weist daraufhin, dass sich der Erzähler von einen am Anfang selbstsicheren in einen krankhaft misstrauigen Menschen verwandelt, der seine ganze Zuversicht und Haltung verloren hat.

Interpretation

Aufgrund der dargelegten Untersuchungsergebnisse werde ich im Folgenden die Kurzgeschichte interpretieren:

Ein junger Mann eröffnet ein Geschäft und es läuft anfänglich sehr gut, wodurch er sich ein gut ausgestattetes Büro und zwei Sekretärinnen, die gut beschäftigt sind, leisten kann (vgl. Z. 1-4). Er ist stolz über seinen beruflichen Erfolg und blickt positiv in die Zukunft. Es wird ihm die Nachbarwohnung zur Miete angeboten, doch wegen der nicht benötigten Küche in der Wohnung lehnt er ab (vgl. Z. 10). Es ist auch zu vermuten, dass eine Geschäftsausweitung aufgrund seiner geschäftlichen Lage z.Zt. nicht rentabel und ein zu großes Risiko ist. Daraufhin wird die Wohnung von einem ebenfalls jungen Mann gemietet (vgl. Z. 6-8). Nachdem anscheinend die Geschäfte doch nicht mehr so gut laufen, was der Satz mit der Wiederholung „ich klage nicht, ich klage nicht“ (Z. 5) zeigt, hat der Geschäftsmann Erkundigungen über seinen Nachbarn eingeholt (vgl. Z. 14). Diese waren für ihn besorgniserregend, da dieser ein Konkurrent ist und seine Geschäftsidee Zukunft haben könnte, obwohl er über keinen großen finanziellen Hintergrund verfügen würde (vgl. Z. 15-19). Sofort schiebt er die schlechte Auftragslage auf seinen Nachbarn und beschreibt ihn und sein Verhalten negativ und sucht Gründe hierfür. Als Begründung , warum er sich mit seinem Nachbarn nicht über die Angelegenheit unterhält, gibt er an, dass dieser immer schnell in seiner Wohnung verschwindet (vgl. Z. 20,21). Dies ist aber nur eine Ausrede, um seine eigene negative Situation zu überspielen. Er geht sogar so weit, das er ihn mit einer Ratte vergleicht, die von vielen Menschen als Schädling und Krankheitsüberträger gesehen wird (vgl. Z. 23). Auch hält er ihn für unehrlich, der es nicht verdient, dass sein Namen öfters gelesen wird (vgl. Z. 25-27). Der Protagonist macht sich Gedanken, wie sein Konkurrent Harras an seine Kundennamen kommen könnte. Hierbei hat er die „elend dünnen Wände“ sowie das Telefon als Schwachstelle ermittelt. Nachfolgend schildert er in der Geschichte sein Verhalten nach dieser Feststellung. So nennt er ab diesem Zeitpunkt die Kundennamen nicht mehr am Telefon und umtanzt auf Fußspitzen den Apparat, um zu verhindern, dass er leichtsinnigerweise Geschäftsgeheimnisse preisgibt (vgl. Z. 31-36). Sein Misstrauen gegenüber seinem Nachbarn behindert ihn sogar bei seinen geschäftlichen Entscheidungen (vgl. Z. 35). Diese Verhaltensweise zeigt, wie sich ein anfangs selbstsicherer Geschäftsmann, in einen misstrauischen von Existenzängsten getriebenen Menschen, verwandelt hat. Seine Handlungsweise und Gemütslage grenzt an Verfolgungswahn, da es keine Beweise gibt, dass Harras seine Kundennamen kennt und ihm diese Kunden abwirbt.

Abschließend kann man sagen, dass die Deutungshypothese, dass der Erzähler die Schuld für seine schlechter laufenden Geschäfte auf seinen neu eingezogenen Nachbarn überträgt, zutrifft. Kafka schildert in dieser Kurzgeschichte das Alltagsproblem des Konkurrenzkampfes von Kaufleuten und hierbei die Situation, dass es Menschen gibt, die mit diesem Druck nicht fertig werden und hierdurch große physische Probleme haben. Oft suchen sie die Gründe für ihre Probleme nicht bei sich selbst, sondern schieben die Schuld auf andere. Die Geschichte zeigt, wie sich die Gemütslage des Protagonisten wandelt, die Angstphantasien die Oberhand gewinnen und diese die Haltung der Person auflösen. Die Parabel zeigt, dass es falsch ist sich über eine Person eine Meinung zu bilden, mit der man keinen persönlichen Kontakt hat und diese somit auch nicht genau kennt. Kafka hat in vielen Geschichten über das Bürgertum zu seiner Zeit berichtet. Es ist anzunehmen, dass dies hauptsächlich geschah, da sein dominanter Vater wünschte, dass er eine bürgerliche Karriere eingeht und deshalb ständig Druck auf ihn ausübte. In seinen Geschichten ist es Franz Kafka meisterhaft gelungen, die stufenweisen Entwicklung der Gemütslage von Alltagsmenschen präzise zu beschreiben.

Viel Spaß mit dieser Analyse und Interpretation von „der Nachbar“ wünscht www.schul-wissen.de.

 

 



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